
Todos somos mortales hasta el primer beso y el segundo vaso de vino.
Wir sind alle sterblich bis zum ersten Kuss und zum zweiten Glas Wein.
Eduardo Galeano, 1940–2015.
Der Augenblick der Ewigkeit
Die erste Tote, die ich sah, war meine Großmutter, Oma Lina. Sie starb 1975 im Marienhospital in Herne, dort wo ich neun Jahre zuvor geboren worden war. Meine Eltern waren bei ihr. Uns Kinder ließen sie von einer lieben Tante betreut Zuhause. Meine Schwester und ich begriffen nicht, was vor sich ging. Erst als meine Mutter weinend von Vater gestützt nach Hause kam. Oma kommt nicht wieder? Unmöglich!
Es war schon eine Zeit, in der Tod, ausgelagert in Institutionen, nicht mehr im Kreis der Familie stattfand, mitten im Leben sozusagen. Niemand wurde mehr, wie noch eine Generation vorher üblich, Zuhause aufgebahrt. Niemand hielt mehr Totenwache.
Das Abschiednehmen der Verwandten war aber noch Sitte. So wurde meine Oma gut gekühlt am Tag vor ihrer Beerdigung in der Leichenhalle des Friedhofs aufgebahrt. Ich bestand darauf, sie noch einmal zu sehen. An der Hand meiner Mutter stand ich dann vor dem geöffneten Sarg. Ich spürte keine Angst, eher etwas Befremdliches. Ich schaute auf das wachsgelbe, friedlich hergerichtete Gesicht mit den geschlossenen, fast schwarzen, sehr schmalen Lippen. Das ist nicht Oma, schoss es mir durch den Kopf. Das hatte nichts mit Verdrängung zu tun. Dort lag Ihr Körper, zweifellos, aber genauso unbestreitbar war die Tatsache, dass Oma nicht mehr dort drinnen war. Wo? Davon wusste ich nichts. Fort jedenfalls.
Mehr als zwanzig Jahre später stand ich an derselben Stelle am geöffneten Sarg von Onkel Horst. Da sprach ich schon die Formel, die ich fortan allen Verstorbenen laut sagen werde. Ob für sie oder für mich, ist ungewiss. Ich weiß es bis heute nicht genau.
Geh' ins helle, klare Licht! Erkenne, dass alles, was Dir begegnet, dein Selbst ist!
Tibetisches Totenbuch
Laut den Gesetzen der Physik kann Energie nicht verloren gehen. Sie verwandelt sich nur. Materie und Energie sind dasselbe. Fragt sich nur, wie bewusst und persönlich es beim Sterben zugeht? Die seit den 70ern gut dokumentierten Nahtodeserfahrungen legen Nahe, dass unser Bewusstsein unabhängig vom Körper existiert. Ein strenger Beweis mag das nicht sein. Alles nur evolutionsbiologische Hirnchemie, um es uns leichter zu machen? Möglich! Für mich jedoch unwahrscheinlich. Ich stütze mich da vor allem auf meine eigenen außerkörperlichen Erfahrungen in Klarträumen.
Jedes Dorf hatte früher seinen Spoekenkieker. Jemand der mit den Toten sprechen konnte, der Sachen sagte, die niemand wissen konnte, der den Lebenden, die Wünsche der Gegangenen übermittelte, damit sie Ruhe gaben. Nicht alle gehen friedlich. Viele sind verwirrt, wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Dann können sie Unheil anrichten. Der Spoekenkieker vermittelte zwischen den Welten.
Das Tibetische Totenbuch wurde für Laien geschrieben. Es soll den Verstorbenen vorgelesen werden, damit sie sich im Totenreich orientieren können. Detailliert wird der Sterbeprozess aus der Perspektive des Sterbenden beschrieben und alles, was ihn im Totenreich erwarten könnte. Es erhält konkrete Handlungsanweisungen.
Lamas benötigen das Buch nicht. Sie kommunizieren in Trance direkt mit den Toten und begleiten sie auf dem Weg. Lamas sind in diesem Sinne keine Gläubigen. Sie sind Wissenschaftler, die eine andere Welt jenseits unserer fünf Sinne erkunden. Ich muss nichts glauben, erzählte mir ein befreundeter Schamane, ich sehe die Geistige Welt, ich reise in ihr, ich arbeite dort mit meinen Helfern zusammen, kämpfe gegen Dämonen. Das alles ist real.
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Es gibt keine Zufälle.
Der Logos fügt nicht zufällig Atome zusammen und zerstreut sie wieder. Das widerlegte seine Existenz selbst. Aus einer befruchteten Eizelle einen Körper entstehen zu lassen, erfordert einen Bauplan, eine Idee. Für einen Stoiker kann das Universum nur sinnvoll sein. Ein ewiges Wechselspiel von Chaos und Ordnung, die einander ständig gebären. Alles andere ergibt keinen Sinn. Deshalb stehe ich gerade als Stoiker auf der Seite der Unsterblichkeit. Die Person löst sich im Sterben auf, der Körper und sein Ich. Die Masken fallen. Mein Bewusstsein, der Logos in mir, ist unsterblich.

Manolitos Tod
Meine erste Annäherung ans Sterben geschah schon sehr früh. Ich weiß es, weil wir umzogen als ich Fünf war. Vorher wohnten wir auf der Brennerstraße schräg gegenüber der alten Hülsmannbraurei. Der Mond von Wanne - Eickel hieß ihr berühmt berüchtigter Schnaps. Ich kann mich an die kleine Wohnung in allen Einzelheiten erinnern. Oma lebte bei uns. Deshalb hatten die Eltern den Dachboden als Schlafzimmer ausgebaut. Morgens trug mich mein Vater auf seinen Armen die steile Stiege hinab. Eine meiner liebsten Erinnerungen.

Von meinem ersten Geburtstag gibt es einen Super 8 - Film. Vater trägt mich ins Wohnzimmer. Onkel Horst filmt. Stolz wird auch der brandneue Schwarz - Weiß - Fernseher mit ins Bild gesetzt. Dort sitzt der aufstrebende Souialdemokrat Helmut Schmidt beim Interview und raucht eine Zigarette. Es war die Zeit, von der Geburg Jahnke einmal sagen wird, als Rauchen noch nicht gesundheitsschädlich war.
Fernsehen war für uns Kinder streng reglementiert. Höchstens eine Sendung pro Tag. Nicht jeden Tag. Draußen zu spielen, war wichtiger. Das Kind braucht frische Luft und Sonne. Westernserien nach dem Abendbrot um Sechs vor dem Schlafengehen schienen unbedenklich. Die Familie schaute gemeinsam. Wir Kinder spielten die Abenteuer unserer Helden nach.
Die Leute von der Shiloh Ranch hieß eine Serie. Manolito war der bewunderte Held. In einer Folge geschah das Ungeheuerliche. Er wurde erschossen. Die Bösewichte wurden am laufenden Band erschossen, aber doch nicht die Helden. Ich fragte die Eltern: Was ist mit ihm? Die Antwort: Er ist tot. Als Erstes lernte ich, dass er deshalb in der nächsten Woche nicht mehr mitspielen wird. Eine sehr genaue Definition wie ich meine. Ich fragte weiter: Was bedeutet Totsein? Mutter sagte: Wer stirbt kommt in den Himmel. Er ist nicht mehr bei uns und für uns fortan unsichtbar. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Mich beruhigte Vaters Erklärung, dass der Schauspieler den Tod nur gespielt habe und noch lebe. Menschen, alle Menschen, würden aber eines Tages sterben. Den Tod gibt es. Ich flüchtet in die Arme der Eltern.
In den nächsten Tagen spielte ich Manolitos Tod wieder und wieder nach. Ich ritt auf der Sessellehne durch die Prärie. Peng! Ich fasste mich an die Brust, fiel vom Pferd und starb auf dem Teppich.

Wer in den 80ern erwachsen wurde, wenn man es so nennen kann, der lebte mit der ständigen Bedrohung der nuklearen Vernichtung im Hinterkopf. Es gab die Friedensbewegung und Heinrich Böll. Die Partys waren wild. Wer weiß schon, ob es ein Morgen gibt?
Im Beitag "1983" habe ich meine Erfahrungen aus dieser Zeit in einer fiktiven Geschichte kondensiert, deren Puzzleteile sich alle wirklich zugetragen haben.
Ist euch der Tod schon persönlich begegnet? Euer Tod? Schreibt es mir in den Kommentaren. Ich bin neugierig.
Ich begegnete meiner Sterblichkeit 1986 gleich zweimal. Manchmal frage ich mich, ob ich damals nicht wirklich gestorben bin. Ich wäre auf einem absuoluten Höhepunkt gegangen. Zwanzig Jahre lang geschah nichts Vergleichbares mehr. Was wäre mir alles erspart geblieben? Das wusste ich natürlich nicht. Heute bin ich froh, noch hier zu sein. Only the good die young.

Im Frühjahr machte ich mein Abtur. Nachdem der Prüfungsstress.von mir abgefallen war, explodierte meine Kreativität. Mit den besten Freunden entwarfen wir in nächtelanger Arbeit unsere Abi - Zeitung. Der Exodus. Ein dadaistisches Manifest. Wir planten den Abistreich. Ich montierte aus Versatzstücken des absurden Theaters ein Theaterstück für die Abifeier. Der Tod des kahlen Schülers. Ich schrieb die Rede, die ein Feund zum festlichen Anlass in der Schulaula halten sollte. Mittendrin sollte er unvermittelt anfangen, vom großen Kürbis zu erzählen. Charles M. Schulz, die Peanuts. Christoph hat es gemacht.
Am Tag der Abifeier saß ich gebannt im Publikum. In meinem Theaterstück spielte ich später die Nebenrolle eines Schülers, der auf Godot wartet. Mit ziemlich weichen Knien stand ich zum.erstenmal vor einem großen Publikum. Die Aula war bis über den letzten Platz hinaus gefüllt. Ich schaffte es sogar, meinem Dialogpartner Ralf das Stichwort für seinen Einsatz zu souflieren. Dann lief es rund. Am Ende: Stille! Unerträgliche, schier endlose Spannung! Tosender Applaus!
Erleichtert verfolgte ich vom Zuschauerraum aus die weitere Veranstaltung. Ich genoss meinen heimlichen Ruhm. Niemand wusste es. Das war meine Rede gewesen, mein Theaterstück.
Nach der Rede des Direktors wurden wir zu dritt auf die Bühne gerufen. Ich bekam einen Preis des Landes für das zweitbeste Abitur meines Jahrgangs. Einen Ökoatlas. Die linksgrüne Geschichte nahm damals Fahrt auf. Meine Eltern waren vielleicht zum letzten Mal stolz auf mich. Ich hätte nun alles studierten können. Die Zukunft lag weit offen vor mir. Ein weites Land mit allen Möglichkeiten.

In meinem lindgrünen Polo Fox, ein Geschenk von Tante Ilse zum Abi, fahre ich von der Schule heim. An einer Kreuzung springt die Ampel für Linksabbieger auf grün. Ich gebe Gas. Ein entgegenkommendens Fahrzeug hat bei Rot dieselbe Idee. Ein Unfall scheint unvermeidlich. Die Zeit dehnt sich. Ich reiße meine Arme schützend vors Gesicht. Plötzlich fahren beide Wagen hintereinander her, halten an einer Schlange vor der Bahnhofstraße. Nichts ist passiert! Ich schaue in den Rückspiegel. Keinerlei Reaktion des anderen Fahrers, auch nicht von seiner Beifahrerin. Nichts ist passiert. Ich zittere vor Adrenalin. Das kann nicht sein, denke ich, es hätte nicht passen können. Ich müsste schwer verletzt oder tot sein.
Die Situation hat mich immer wieder beschäftigt, vor allem die Lücke zwischen dem unmittelbar bevorstehendem Crash und der geordneten Weitergahrt. Was war geschehen? Es schien als müssten die Fahrzeuge die eigentliche Leere der Materie, die 99% Nichts, erkannt haben und seien einfach durch einander durchgefahren.
Oder hat sich in diesem Moment das Universum geteilt? Eine Version von mir ist gestorben, eine andere hat überlebt?. Wenn meine Sele jenseits von Raum und Zeit existiert, erlebt sie vielleicht alle möglichen Versionen meines Daseins gleichzeitig, während ich hier unten, ohne es je zu bemerken, zwischen den verschiedenen Strängen hin und her hüpfe. Wer weiß? Ich nicht!
Oder war es viel einfacher? Ockhams Rasiermesser. Der andere Fahrer hat erschreckt scharf gebremst. Mein Polo hatte eine gute Beschleunigung, weil er trotz 40 PS nix wog. Was nicht passte, war meine Einschätzung. Darauf habe ich mich mit mir geeinigt, auch wenn die anderen Varianten nach wie vor große Faszination auf mich ausüben. Wer weiß? Ich nicht! Aber ich wüsste es nur zu gern!
Gibt es Schutzengel? Gewiss, sagt mein Freund, der Schamane. Schau, da steht deiner. Ich sehe nichts. Jahre später werde ich tatsächlich einem Engel im Traum begegnen. Träumend erschien mir das Erleben vollkommen real. Ja, mehr. Es war als hätte ich noch nie so klar und deutlich sehen können. Am Ende dieses Artikels werde ich davon erzählen.
Jedes Wesen komme mit einer bestimmten Lernaufgabe auf diese Welt, sagt mein Freund. Hat es diese erfüllt, werde es wieder abberufen. Die Seele gehe voller Freude. Für die Seele sei die verkörperte Existenz eine Zumutung. Deshalb brauche sie den Schlaf und die Träume, um die Erfahrung hier unten aushalten zu können.
Am 10.04. diesen Jahres ist mein Freund und Mentor so gegangen wie er gelebt hat. Lernaufgabe erledigt. Prüfung bestanden. Er starb im Krankenhaus im Kreis seiner Lieben. Bei vollem Bewusstsein entschied er sich gegen lebensverlängernde Maßnahmen. Er übließ sich in tiefem Vertrauen der Geistigen Welt. So wie er es stets getan hat. So hat er gelebt, so ist er gestorben. Im Reinen mit sich. In Frieden. Eine letzte Zigarette. Seine geliebten Vera wird ihn abgeholt haben. Und wehe, einer pfeift jetzt kein fröhliches Liedchen!
Fort ist er nicht! Am Küchentisch im Piekenbrock ist immer ein Platz für ihn bereit. Eine letzte Schachtel rauchen wir noch! Wann immer ich ein Problem habe, und ich habe gern Probleme, lade ich ihn ein und weiß genau, was er dazu gesagt hätte.
Stoiker und Schamane, wie passt das zusammen? Erstaunlich gut. Sicher, wir waren nicht immer einer Meinung. Ich war ihm stets zu skeptisch. Er mir zu optimistisch. Beide hielten wir uns, jeder auf seine Weise, nicht für Gläubige, sondern für Wissenschaftler auf ihrem je eigenen Feld der Erfahrung mit unendlicher Neugier auf die Lektionen des Lebens. Himmlische, die eine irdische Erfahrung machen.
Sein tiefes Vertrauen in das, was er Geistige Welt nannte, ich Logos, hat mich tief geprägt. Er wird immer mein Mentor sein. Bis hin zum guten Sterben. Das ist das Wort für ihn, und soll das meine sein: Urvertrauen.
Gute Reise, altes Haus! Grüß' John Lennon!

Die Stricke, die uns ans Leben binden
Kehren wir ins Jahr 1986 zurück. Begegnung mit dem Tod, die zweite. Für den Oktober stand meine Einberufung zur Bundeswehr an.
Welche Stürme das in meinem Kopf auslöste und wie ich sie in stoischer Manier bezwang und zur Seelenruhe zurückkehrte, habe ich euch im Artikel "Meine Stoa" schon erzählt.
Kassandras Frage im Sturm: Wie stark sind die Stricke, die uns ans Leben binden?
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang folgende Unterscheidung. Ich war weit davon entfernt, depressiv zu sein. Ich hatte keinerlei Todeswunsch. Es handelte sich um eine zutiefst rationale Überlegung. Wenn etwas wirklich unerträglich würde, könnte ich die Stricke jederzeit durchtrennen.
Ich war mir bewusst: Das ist der Sommer meines Lebens! Diese Zeit wird so nie wiederkehren. Keine Pflichten. Freiheit! Ein Auto, um überall hinfahren zu können. Die Zukunft erschien ungewiss und düster. Gerade deshalb, jetzt erst recht, leben! Das Bewusstsein der Endlichkeit, im Oktober ist alles vorbei, steigerte die Lebensfreude. "Die Stunde vor der Dunkelheit" nennt Christa Wolf in "Kassandra" diese besondere Qualität der Zeit. Meine Freunde empfanden es auch so. Für den späten Sommer planten wir einen Urlaub im geliebten Garstnertal. Wir wollten es wissen, unseren ersten Zweitausender besteigen. Die Kindheit war zuende, das fühlten wir, das Erwachsensein noch nicht da. Alles war im Fluss.

Schon ein Jahr zuvor hatten meine Schwester und ich mit unseren Freundinnen und Freunden in Windischgarsten Urlaub gemacht. Wir residierten wie jedes Jahr auf dem Schredlhof. Bis tief in meine Träume hinein bin ich bis heute mit diesem Ort verbunden.
Ein Freund, Mitglied im Alpenverein, wollte unbedingt den Kleinen Phyrgas besteigen. Vom Schredlhof hat man einen herrlichen Ausblick auf beide Berge der Haller Mauern. Der Kleine Phyrgas ist deutlich unter zweitausend Meter hoch, aber im Vergleich zum großen Bruder nebenan die deutlich schwierigere Herausforderung. Auf geht's!
Unterhalb des Gipfels umrundet ein sehr schmaler, aber ebener Pfad einen Teil des Berges, bevor du als letztes Hindernis eine Felsstufe, die aber sichere Tritte hat, erklimmen musst. Das Problem: Du bist ausgesetzt. Direkt an Pfad und Felsstufe bricht der Fels steil ab. Du kannst tausend Meter tief unter dir die Hofalm sehen. Mein Problem: Ich bin nicht schwindelfrei. Alles Kopfsache. Ohne den Anblick wäre hier jedes Kind fröhlich entlanggehüpft. Das zu wissen, hilft in solchen Lagen wenig. Ich war fest entschlossen, die Situation zu meistern. Zur Not auf allen Vieren.
Markus, rief meine Schwester, was machen wir eigentlich hier? Ich will das nicht! Ich hatte den Eltern versprochen, auf sie aufzupassen. Ich war aber auch erleichtert. Wahrscheinlich hatte ich - wie so oft - viel mehr Angst als meine kleine Schwester.
Anderen in einer Gefahr zu helfen, ist das beste Mittel gegen die eigene Angst. Zwei Freunde beschlossen, den Gipfelsturm zu wagen. Meine Schwester und ich kehrten um. Im Gänsemarsch ging es aus der Gefahr.
Auf der nächsten Wiese setzten wir uns zwischen Latschenkiefern ins Gras. Es war ein herrlicher Sommertag. Summende Bienen, fleißige Ameisen. Eine leichte Brise. Wir hatten das Richtige getan. Wir hatten eine epikureische Entschreidung getroffen. Das Unangenehme zu meiden, kann eine praktische Glücksformel sein.
I prefer not to!
Eine halbe Stunde später kamen unsere Freunde des Weges. Sie hatten den Gipfel bezwungen. Stolze Sieger. Aber auch meine Schwester und ich fühlten uns nicht als Versager. Es gibt vielerlei Arten von Siegen.
Fußlahm von den Strapazen verbrachten wir den nächsten Tag am Gleinkersee. Vom Seespitz aus, 1583m. hoch, schaust du auf ein nahezu kreisrundes Gewässer: Ein tiefblaues Herz in einem türkisen Kreis.
Für den kommenden Tag planten wir eine Spritztour durchs wilde Gesäuse, ein zerklüftetes Kalksteinmassiv und steirischer Nationalpark. Über den Hengstpass führte die Route an reißenden Flüssen entlang. Mittags kamen wir ins kleine Bergdorf Johnsbach. Auf dem Friedhof dort können die Verunglückten der Ennstaler Alpen ihre letzte Ruhe finden. Die meisten Touristen werden in die Heimat überführt. Langsam verwitternde Gedenktafeln erinnern an die Schicksale.
Ich schaue hinüber zum Hochtor. Dort sterben auch die Einheimischen als läge ein Fluch über der Nordwand. Was müssen das für Kerle sein, die auf die Idee kommen, dort hinaufzukrakseln? Freit die Schönste im Dorf immer noch nur den Helden, der mit dem weißen Enzian zurückkehrt? Oder hatten die Jungs zuviel Enzian, bevor sie auf die Idee kamen, loszugehen?
Weil der Friedhof so klein ist, gibt es an der Friedhofsmauer ein kleines Gebeinehaus. Schon im ersten Sommer in den Alpen, 1979, hatte ich es mit den Eltern besucht. Fein säuberlich geordnet stapeln sich Knochen und Schädel an den Wänden. Memento Mori.
In Schaukästen an der Kapelle hängen Listen, die bis zur Gegenwart reichen. Am Großen Phyrgas ist das letzte Unglück keine zwei Wochen her. Eine Familie aus Deutschland. Die häufigste Todesursache auf allen Listen ist mit Abstand Blitzschlag.
Ja, der Phyrgas ist kein schwerer Berg, wird uns der alte Schredl sagen, aber er fordert jedes Jahr seine Toten.

Wir sind wieder im Jahr 1986. Früh am Morgen geht es los! Drei Freunde, ein Ziel. Der Große Phyrgas. Wir entscheiden uns für die leichtere Route über die Hofalm. Die einheimischen Burschen, die davon träumen, demnächst im Himalaya berühmt zu werden, sagt Frank, unser Gipfelheld aus dem letzten Jahr, die joggen hier in kurzen Hosen und Turnschuhen hoch.
In der Tat ist der Aufstieg zum Phyrgas eher eine Bergwanderung. Du bist bist nirgendwo richtig ausgesetzt. An zwei Stellen gilt es, Felsstufen zu übersteigen, die aber steinernen Treppen ähneln. Gleichwohl ist hier die Dreipunkt -Technik erforderlich, immer mit drei Gliedmaßen festen Halt zu haben und mit dem verbliebenen den nächsten Tritt oder Griff zu suchen. Sonst kannst du auch hier einige Meter tief stürzen. Der Aufstieg vom Gleinkersee zur Dümmler Hütte durch den Seegraben ist streckenweise steiler und bei Regen gefährlicher. Da man dort durch Wald geht, kommt es einem nicht so vor. Alles Kopfsache. Warum am Phyrgas mehr Menschen sterben, sollten wir bald erfahren.
Vernünftigerweise trugen wir gute Bergstiefel, was sich als äußerst hilfreich erweisen sollte. Als wir von der Hofalm aus zum Einstieg kamen, sahen wir im Westen, die ersten Wolken ins Tal ziehen. Für den Nachmitag waren Gewitter angesagt. Auch der Wetterbericht hatte zu unserer Vorbereitung gehört.
Ein Einheimischer kam uns entgegen. Grüß Gott! Wir wiesen auf die Wolken und fragten ihn, ob es noch ratsam sei, weiter aufzusteigen. Ihr könnt schon noch hochgehen, sagte er, aber haltet euch auf dem Gipfel nicht zu lange auf. Dann passt's! Also gingen wir weiter. Jung und trainiert wie wir waren, kamen wir gut voran. Langsam füllten die Wolken unter uns das Tal, bis es nur mehr ein weißes wallendes Wolkenmeer gab, aus dem noch die Spitzen der höchsten Berge herausragten. Wir waren in einer anderen Welt. Da niemand daran gedacht hatte, eine Kamera mitzunehmen, unnötiger Ballast, teilten wir diese Erinnerung fortan miteinander.
Kurz vor dem Gipfel holten uns die Wolken ein. Plötzlich umgab uns ein dichter eiskalter Nebel. Längst trugen wir Pullover und Regenzeug. Da das Gelände vor dem Gipfel deutlich abflacht, hatten wir keine Mühe, ihn zu erreichen.
Kein Panoramablick! Kein Gipfelfoto! Wir schüttelten einander die Hände, trugen unsere Namen in das Gipfelbuch ein, das in einer Eisenkiste am Gipfelkreuz hing, einer schmucklose Eisenkonstruktion. Social Media '86. Etwas unterhalb des Gipfels rasteten wir und aßen unsere Jause.
Wir hatten das gute Gefühl, es geschafft zu haben. Denkste! Der schwierige Part ist immer der Abstieg. Wie spät mag es sein? Keiner von uns trug eine Uhr. Im Nebel war das Zeitgefühl verloren gegangen. Bisher waren wir unterwegs stolze Nutzer der Großen Sonnenuhr. Die Zeit ließ sich anhand der Sonnenstände über den umliegenden Gipfeln ziemlich verlässlich bestimmen. Nicht heute! Egal, es war Zeit zu gehen. Die Kälte kroch schon unangenehm in die Kleidung. Besser, in Bewegung bleiben. Wir brachen auf. Unser erstes Problem: Da wir die Hand vor Augen nicht sahen, gerade im flachen Gelände unterhalb des Gipfels, wo man noch überall hätte langlaufen können, war es äußerst schwierig, die kleinen Wegmarken zu sichten. Es war lebenswichtig, den Einstieg in den steileren Abstieg zu finden. Alle anderen Wege hätten zu Steilwänden oder Geröllfeldern geführt. Der Phyrgas ist nicht schwer, weil es eine leichte Route gibt. Ansonsten ist er hochalpines Gebiet mit allem drum und dran.
Frank, der Erfahrenste von uns, übernahm die Führung. Vorsichtig schritt er voran und schaute sorgfältig nach den Wegmarken. In den Wolken hatte sich der nackte Fels mit Nässe überzogen. Er war extrem glitschig. Als es steiler bergab ging, überall Rinnsale, die über den Fels liefen, wurde das zu einer ernsthaften Gefahr. Jeder Tritt musste sitzen. Wir kamen nur extrem langsam voran. Würde die Zeit bis zum Gewitter reichen? Keiner wusste mehr, wie spät es war, wie lange wir schon unterwegs waren. Es schien endlos. Plötzlich geriet unser Freund, der Dritte im Bunde, in Panik. Ich spüre Elektrizität auf der Haut, schrie er und schluchzte. Wir versuchten ihn zu beruhigen. Frank gab ihm klare Anweisungen. Du gehst hinter mir her, hältst dich mit einer Hand, wenn es sein muss, mit beiden an meinem Rucksack fest. Nicht ziehen! Du schaust nur auf meine Füße und setzt deinen Fuß dorthin, wo vorher meiner war. Tu nur das! Markus, du folgst und hältst ihn am Rucksack. So ging es weiter, noch langsamer. Schritt für Schritt. Wir froren bitterlich. Ab einem gewissen Punkt spürte ich die Kälte nicht mehr. Ich weiß nicht, nach wievielen Ewigkeiten wir die Baumgrenze doch erreichten. Unter den Wolken regnete es in Strömen. Keiner hatte mehr einen trockenen Fetzen auf dem Leib.Trotzdem kehrte die Zuversicht zurück. Das Schlimmste schien geschafft. Bald sahen wir die Lichter der Hofalm. Als wir die Stube betraten, hörten wir vom Gipfel her den ersten Donner.
Die Solidarität der Wanderer in solchen Situationen ist eine herzerwärmende Erfahrung. Dicht gedrängt saßen wir in der Stube, die Klamotten trockneten am Kachelofen. Ein Obstler wurde ungefragt gereicht. Ich spürte eine in dieser Intensität nie gekannte, tiefe Dankbarkeit für mein Dasein. Und alle Menschen um mich waren Brüder. Am Gipfel tobte derweil ein wahres Inferno von Gewitter.

Vera und Klaus, die Schamanen, trommeln für mich. Selbst die Astralreise geht ins Garstnertal. Ich habe davon nichts mitbekommen. Aus den anschließenden Beschreibungen des Ortes, habe ich geschlossen, dass es auf der Wurzeralm gewesen sein muss.
Am Fuße des pyramidenähnlichen Warschenecks liegt der kleine, kreisrunde Brunnsteinersee, umgeben von den saftigsten Wiesen voller Kräuter und Blumen. Betörende Düfte. Dort finden die Schamanen meine Seele wieder. Ich liege auf der Bergwiese. Ameisen heilen die Nerven in meinem Bein. Ich wusste gar nicht, dass da was nicht stimmt. Die Ameisen finden immer was.
Ein Gänsegeier kreist über mir. Er schickt drei Strahlen smaragdgrünen Lichts in mein Herz. Die Schamanin fragt, ob sie mich zurückholen soll, als ihre Arbeit getan ist. Der Geier antwortet: "Lass ihn noch eine Weile da liegen. Es tut ihm so gut!"

Niemand hat hier irgendetwas unter Kontrolle
Byron Katie
AUF LEBEN UND TOD

Am 24. März ist Hermine gestorben. Fünf Jahre lang hatte sie uns mit ihrer lebendigen Fröhlichkeit täglich Freude geschenkt und jung gehalten. Ganz ergeben schlief sie in unseren Armen ein.
Als wir zum Tierarzt fuhren, wussten wir nicht, was uns bevorstand. Ja, sie war alt, aber wir dachten, sie wäre erst auf die letzte Zielgerade eingebogen, als sie zwei Wochen zuvor keine langen Spaziergänge mehr machen, dann abends nicht mehr auf ihre Couch mit der Häkeldecke springen wollte. Wir hoben sie hoch. Seit sie an ihrem letzten Tag neben dem Trinknapf zusammenbrach, trug meine Frau sie in ihrer Häkeldecke bis zum Schluß in ihren Armen.
Der Tierarzt stellte Lymphdrüsenkrebs fest. Endstadium. Kein Knoten der nicht befallen war, die Milz stark geschwollen. Sie hätte aber bis kurz vor Schluss keine Schmerzen gehabt. Sie sei nur unendlich erschöpft. Hermine ließ die Untersuchungen geduldig über sich ergehen.
Der Tierarzt sah uns an. Ich nickte. Ich sah Maria an. Nicken. Die erlösende Spritze wurde gesetzt. Wir hielten sie fest in unseren Armen. Hermine sah jeden von uns noch einmal mit ihren lieben Augen an und schlief friedlich ein. Ihr stets so fröhliches Herz stand still.
Von den Tieren kannst du sterben lernen. Sie sind der Natur treu ergeben und überlassen sich ihr in tiefem Vertauen. Sie fühlen, davon bin ich zutiefst überzeugt, dass es nur eine Verwandlung ist

Nach Ostern durfte ich eine Grenzerfahrung machen. Zunächst hielt ich es für eine Infektion. Ich hatte Fieber und war sehr erschöpft. Das Atmen war schwerfälliger als sonst, aber nicht dramatisch eingeschränkt. Ich hatte keinen Appetit.
Hippokrates empfiehlt bei allen Symptomen als erste Therapie immer das Fasten. Letztendlich braucht man sich darum nicht zu bekümmern. Der Körper macht es von selbst, wenn es sein muss. Nach ein paar Tagen vertieften sich die Symptome in die Bronchien. Die Rippen schmerzten beim Atmen. Ich war sehr erschöpft.
Ich befolgte Omas Rat: Gesundschlafen!
Die Erschöpfung nahm solche Formen an, dass ich es kaum zur Toilette schaffte. Ich wollte nur liegen. Etwas in mir konnte nicht mehr, wollte nicht mehr, ließ los. Alles fiel von mir ab. Ich hatte keinerlei Angst, keine Sorgen. Die Welt betraf mich nicht mehr. Wenn jetzt der Tunnel mit dem Licht aufgeht, dachte ich, dann gehe ich mit. Es ist gut so!
Der Höhepunkt der Krise dauerte drei Tage. In drei Stufen, am siebten Fastentag, trat Besserung ein. Jedesmal erwachte ich schweißgebadet und fühlte Erleichterung.
Beim erstenmal konnte ich aufstehen, mich etwas waschen. Beim zweitenmal einen Tee in der Küche trinken. Nach dem dritten Mal wusste ich, übern Berg zu sein.
Schweißnass war ich aus einem furchtbaren Alptraum erwacht. Ein furchterrgender Dämon wollte mich töten. Ständig verwandelte er seine tierische Gestalt in immer schrecklichere Formen. Mäuler voller Reißzähne schnappten nach mir. Das Biest wollte mich fressen, vernichten. Wir rangen miteinander, bis ich mich losreißen konnte. Ich versuchte zu fliehen, aber wohin ich auch kam, er spürte mich immer wieder auf und attackierte erneut. Nach weiten Wegen durch furchtbare Landschaften und beständigen Kämpfen, wachte ich auf: Entkommen!
Die Ärzte stellten im Nachhinein fest, für eine Augen OP benötigte ich ein EKG, dass es sich wohl um einen leichten Herzinfarkt gehandelt hat. Zum Glück, dachte ich, hatte ich das in der Krise nicht gewusst. Wer weiß, was der Diagnoseschock sonst angerichtet hätte?
Schäden am Herzen sind nicht zurückgeblieben. Als ich beim Kardiologen auf der Pritsche lag, sah ich auf dem Monitor des Ultraschalls zum ersten Mal mein Herz live schlagen. Was für ein Wunder ist doch der Mensch!
So unangenehm die Erfahrung auch war, so wertvoll war sie doch. Ein Warnschuss vor den Bug, hätte Klaus gesagt. Eine von der Geistigen Welt verordnete Auszeit! Stopp! Was machst du da mit deinem Leben? Sieh es dir an! Worin verrennst du dich da?
Du kannst dem Wind vertrauen.
Setz' die Segel neu! Aye, aye, Sir!

Aus der tiefen Schwärze des Weltalls, von funkelnden Sternen umgeben, schwebt eine helle Gestalt auf mich zu. Das schönste Wesen, das ich je gesehen habe. Wallende Gewänder, lockiges Haar.
Ich träume. Meine Wahrnehmung ist gesteigert, so klar, deutlich und detailliert wie noch nie, übernatürlich klar, vielleicht zum erstenmal absolut real.
Der Engel hält auf der Höhe des Herzen eine Kugel vor der Brust. Sie rotiert wie ein Planet. Weiße und grüne Farben fließen beständig ineinander, ohne sich zu vermischen, bilden beständig neue Formen, Flächen, Bilder. Die Kugel scheint von innen heraus zu leuchten. Ihre Oberfläche ist beständig von klarem Wasser überspült. Sie glitzert und glänzt. Pure Energie!
Der Engel spricht:
Alles ist gut so wie es ist!


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