· 

Mein Morgen, mein Abend

Modernes griechisches Frühstück
Modernes griechisches Frühstück

Day & Night, Night & Day You Are The One

Morgens

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal um vier Uhr morgens aufstehe, eine Runde durch die Bauerschaft jogge, hundert Liegestütze schaffe, ein Eisbad nehme und eine Stunde im Lotussitz meditiere. Und siehe, ich hatte recht!


Mein Morgen beginnt mit ein paar tiefen Atemzüge am geöffneten Fenster. Dann brühe ich mir einen Mokka. Das moderne griechische Frühstück, Kaffee und Zigarette, ist gleichzeitig meine Meditation. Ich sitze in Schlafanzughosen lässig auf einem Korbstuhl am Küchentisch, schlürfe den Mokka und schaue den Qualmwölcken nach. Ich versuche einfach nur zuzuhören. Den Vögeln, dem Schnurren der Katze, die auf die Sahne im Kaffee scharf ist, den Gedanken in meinem Kopf, dem Rauschen meines Blutes, dem Schlagen meines Herzens. Ich gehe in mein Herz und gebe der Ruhe Raum. Die Zeit steht still. Alles fließt durch mich hindurch.


Habe ich in der Nacht geträumt? Träume sind Therapie. Jetzt kann ich sie noch erhaschen.


τὸ ὁμολογουμένως τῇ φύσει ζῆν ​

tò homologouménōs tēi phýsei zēn

Im Einklang mit der Natur zu leben, ist das stoische Ideal. In diesem Fall: Mit der eigenen Natur.


Was hast du gegen die Morgenroutine der Sieger? Nichts! Sie kann eine effektive Methode sein, in den Tag zu starten. Wer sie einübt, gewöhnt sich schnell daran. Das Missverständnis liegt meiner Ansicht nach darin, gewaltsam in die natürlichen Abläufe einzugreifen, um sie zu optimieren. Joggen, Eisbad, Lotussitz. Wozu wird die Effiziens gesteigert? Um seine Ziele zu erreichen. Ich bezweifele sehr, dass es sich bei den Selbstoptimierern um Sieger handelt. Sie internalisieren die Zielverfolgung so sehr, dass sie an kein Ende kommen. Haben sie ein Ziel erreicht, währt die Freude kurz,  schon schauen sie sich nach neuen Zielen um,  so sehr lieben sie diesen Prozess. 

Aber bringt man so nicht viel zu Wege? Gewiss, aber glücklich wird man nicht. Und ist nicht das unser Ziel?


Ziele sind für Verlierer, Systeme für Gewinner

Warum haben viele erfolgreiche Menschen eine rigide Morgenroutine? Weil ihr Willle stark ist. Das Missverständnis der Erfogsratgeber besteht darin, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Menschen sind erfolgreich, wenn sie ein Talent in sich entdecken und es verwirklichen, indem sie einen nützlichen Betrag zum Gemeinwohl leisten, ein Problem für andere lösen. Das wird belohnt. Dazu braucht es Klugheit und einen starken Willen. Ein Unternehmer etwa, für den eine siebzig Stundenwoche ein Teilzeitjob wäre, wird zwangsläufig zu einer strengen Morgenroutine finden. Die Leser der Ratgeber irren jedoch, wenn sie sich vorgaukeln lassen, dass die Routine zum Erfolg geführt hat. 


Kreativität hat ihre eigenen Gesetze. Wahrscheinlicher ist es, morgens um Vier in einer Studentenkneipe, im Kreis der Freunde, bei Schnaps und Musik eine grandiose Idee zu haben. Vielleicht beklagen sich gerade zwei Trinker vom Thresen her über die schlechte Welt. Du denkst, es besser machen zu können. Du wirfst den Gedanken in die Runde. Deine Freunde prosten dir begeistert zu. Wenn die Schnapsidee am nächsten Mittag Erwachen und Kater überlebt, hast du gute Chancen, erfolgreich werden zu können. Gewiss bessere Chancen als die Jogger, die an euch vorbeigehastet sind, als du und deine Freunde im ersten Morgenlicht aus der Kneipe getorkelt seid. 

Take it slow! As fast as you can!
Take it slow! As fast as you can!

Missverstehen sie mich richtig, ich habe nichts gegen Ziele. Ohne geht es nicht. Wie soll ich die Segel setzten, wenn ich nicht weiß, wohin ich reisen will. Als Stoiker versuche ich genau zu prüfen, welche Ziele lohnenswert sind und welche meiner Natur im Weg stehen. Das Ziel der Stoiker ist.ein gutes Leben. Wie bei den fiktiven Helden im letzten Blog - Artikel betrachte ich dieses Ziel als Polarstern zur Navigation. Wer die Reise nicht genießen kann, wird auch im Hafen kaum glücklich sein. Wer weiß schon, wie weit wir kommen?


Gemäß des wichtigsten stoischen Grundprinzips stehen Erfolg, Anerkennung und Belohnung seitens der Gesellschaft nicht unter meiner Kontrolle. Genausowenig wie Misserfolg und Missachtung. Es nützt also nichts, sich darum zu bekümmern. Not my Business. Was ich hingegen beeinflussen kann, sind mein Wille und meine Hingabe. Das ist alles. Darum kann Erfolg kein stoisches Ziel sein.


Was sind denn nun deine Ziele?  Ein einfaches Leben, vom Einfachen das Beste, Qualität statt Quantität. Seelenfrieden. Liebe.


Die moderne Industriegesellschaft ist eine seelenlose Maschinerie, die den Menschen als seelenlose Maschine braucht. Zuviele Akteure profitieren von Krankheit, Krieg und Bindungslosigkeit. Ich halte nichts davon, zu einer besseren Maschine zu werden. Klar kann ich mich optimieren, aber wer schneller fährt, ist auch schneller tot.



Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!

Erich Fried

Breakfast in Heaven
Breakfast in Heaven

Natürlicher Hunger

Das Missverständnis der menschlichen Maschine betrifft übrigens auch die wohlmeinenden Ratschläge der alternativen Gesundheitsexperten. Vom Sklavenfrass der industriell gesponserten Ernährungspyramide ganz zu schweigen. Auch die Alternativen haben Nietzsche nicht gelesen. Man wird zu dem , was man bekämpft. Also wollen sie dir am Ende ihrer Videos alle möglichen Suplimente verkaufen, um deine Maschine besser zu ölen, wo ein Spaziergang und Sonnenlicht das ihre getan hätten.


Da du keinen Experten in Sachen Ernährung triffst, dem nicht ein anderer Experte widerspricht, Ärzte allesamt, war ich auf der Suche nach einem einfachen Prinzip, um herauszufinden, was im Einklang mit meiner Natur liegt. Ich habe es gefunden. Natürlicher Hunger. Der Körper weiß, was er essen will. Nur ist seine Wahrnehmung durch unnatürliche Essgewohnheiten, drei Mahlzeiten am Tag, und durch krank - und süchtigmachende Substanzen wie Zucker und Weizenmehl nachhaltig gestört. Die Lösung: Fasten.


Iss, wenn du hungrig bist.

Iss, worauf du Hunger hast.


Erst durch eine heftige Krankheit, als ich neun Tage lang nichts essen konnte, kam ich darauf. Ich hatte plötzlich Hunger auf ganz andere Lebensmittel als zuvor. Ich stellte meine Ernährung um. Oh, wunderbarer Logos, wenn ich nicht dahin komme, bringst du mich dorthin.


Seither versuche ich das Prinzip auch in meiner täglichen Praxis, im Kleinen sozusagen, anzuwenden. Für mich hat es sich als wohltuend erwiesen, wenn zwischen der letzten Mahlzeit des Vortages und der ersten des nächsten Tages mindestens zwölf, besser vierzehn, gern auch sechzehn Stunden liegen. Der Körper hat Zeit, den Verdauungsprozess abzuschließen und im Schlaf allerhand Wunderdinge zu tun. Autophagie, Ketose. Ist dieser Zustand  erreicht,  verschwindet beim Fasten das Hungergefühl.


Daher kommt meine Angewohnheit, meinen Tag mit einem griechischen Frühstück zu beginnen. Vor allem Werktage. Wird mir ein an solchen Tagen ein klassischer Essensrhytmus durch die Termine nahegelegt, verzichte ich lieber auf eine Mahlzeit. Meistens. Ich bin nicht dogmatisch. Natürlich gehe ich auf Fortbildungen mit den Kollegen in die Kantine. So what? In der Regel warte ich aber auf meinen natürlichen Hunger, dann hau' ich tüchtig rein.


Wissenschaftlich erwiesen, wobei man sich immer fragen muss, welcher Wissenschaftler in welchem Auftrag Was erwiesen hat, ist es, dass Mäßigung, eine der stoischen Kardinaltugenden, die Langlebigkeit erhöht. Zumindest bei Ratten. Die Nager, die 20% weniger Nahrung bekommen als sie bei unbeschränktem Angebot essen würden, leben signifikant länger als die Vergleichsgruppe ohne Beschränkung.


Lass immer etwas Hunger übrig, wusste schon meine Oma. Und wenn die Augen wieder mal größer als der Magen waren: Iss wenigstens das Fleisch!

Zugegeben fällt mir Mäßigung als Liebhaber der Französischen Küche äußerst schwer. Da scheitere ich nur zu gern.


Mir geht des darum, zu den natürlichen Rhythmen des Körpers zurückzufinden, möglichst im Einklang mit dem Logos zu leben und dem Dasein als Maschine im Getriebe der Welt soweit es geht den Rücken zu kehren. Gegen den Moloch zu kämpfen, macht keinen Sinn. Du kannst nicht gewinnen. Entzieh im deine Aufmerksamkeit, mach das Andere, das Richtige und warte. Früher oder später zerstört sich die Maschinerie von innen heraus selbst. Dann sei bereit.

Bon Appétit!
Bon Appétit!

Schlaf, Kindlein, schlaf

Schlafende soll man niemals wecken! Auch die wühlenden, schreienden Träumer nicht. Störe niemals ihre Therapie.


Diese Maxime allein, flächendeckend umgesetzt, davon bin ich überzeugt, vermöchte die Gesellschaft von grundauf zu heilen. Vielleicht sind zu wenige noch nicht krank genug, um  den Menschen wieder zum Zweck der Gesellschaft zu machen. 

Da es nicht in meiner Hand liegt, bekümmert es mich nicht. Ich wollte es nur gesagt haben. Es gibt wohl.kaum einen Menschen, der Freuds Unbehagen in der Kultur nicht empfindet. Als Stoiker kann ich einen rationalen Beitrag durch mein Beispiel, durch meine Tugend leisten. Das ist mein Teil. Wer weiß, wen das womöglich inspiriert, wohin das führt? Alles könnte anders sein.

Es wird anders werden. Das ist gewiss. Es ist sehr stoisch, die Hoffnung als Leiden aufzugeben, aber es wäre genauso verfehlt, die Segel nicht aktiv in Richtung eines bessern Lebens zu setzten.


Stell es dir vor. Du erwachst ungeweckt am Montagmorgen nach genügend Stunden Schlaf. Ohne Uhr schenkt dir deine Morgenroutine Kraft. Voller Freude fährst du in deinem nachhaltigen alten Benz zur Arbeit. Du trägst deinen Teil zum Gemeinwohl bei. Das befriedigt dich zutiefst. Du wirst mit genügend Geld belohnt, damit deine Familie, Großeltern und Kinder, in einem schönen Haus mit großem Garten leben kann, dein Partner, deine Partnerin nicht areiten muss, wenn sie oder er es nicht will und ihr zweimal im Jahr die Welt bereisen könnt. 


Wie sähe dein Traum vom.glücklichen Leben aus? Ganz anders gewiss. Vielfalt bedeutet, keinen Traum für alle vorzuschreiben, one size fits all, sondern möglichst vielen Entwürfen Raum zu geben. Für jeden ist etwas dabei. Jeder nach seiner Façon. 


Ist es möglich? Ja, es ist möglich.

Meine Eltern haben so noch gelebt.

All you need ist love
All you need ist love

Abends

Die Klammer meines Tages ist der Korbstuhl am Küchentisch. Ich stopfe meine Pfeife, trinke einen Tee, manchmal auch einen Schnaps und lasse die Ereignisse des Tages nochmals Revue passieren. Gefällt mir der Film meines Lebens? Welche Geschichte erzählt der Tag über mich? Da der Tag unwiederbringlich vorbei ist, kann ich das Vergangene auch ändern. Wie hätte der Tag aussehen sollen? Wie wäre es, wenn das Drama besser eine Komödie gewesen wäre?

Wie hätte ein stoischer Held den Tag verbracht?


Wir sind die Geschichten, die wir uns in unseren Köpfen über uns erzählen. Bis es uns bewusst wird, wenn es uns bewusst wird, sind das hauptsächlich die Geschichten anderer. Eltern, Lehre, alle möglichen Autoritäten. Die Geschichten der Gesellschaft, in der wir leben. Erst der freie Geist entdeckt, dass er auch andere, eigene Geschichten erzählen kann. Eine vernünftige Geschichte. 


Das Ändern der Vergangnheit ist kein Selbstbetrug. Wir wissen, dass wir es tun. Wir tun es bewusst. Der Vergangenheit kann es egal sein. Es geht darum, sich in die Stimmung des Erwünschten zu versetzen. Gedanken erzeugen Gefühle. Die gute Geschichte erzeugt Wohlgefühl. Die neue Gemütsverfassung setzt den Ton für den neuen Tag. Ein fröhliches Lied auf den Lippen, werde ich am Morgen die Segel neu justieren, der aufgehenden Sonne entgegen.


L'anatra dalle uova d'oro
L'anatra dalle uova d'oro

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Raconte une histoire, qui finit bien pour une fois!

Inwendig unendlich!
Inwendig unendlich!

Markus Heisel

Jahrgang 1966

 

Intellegis, me esse philosophum?

Intellexeram, si tacuisses!

- Boethius

 

[email protected]

 Mauro Armellini, Billiard
Mauro Armellini, Billiard

συμπάθεια